Künstliche Intelligenz und die Entwicklung des Wahren Selbst

Algorithmen antworten uns jederzeit

In einem Zeitalter, in dem man innerhalb von Sekunden jede x-beliebige Antwort von einer Künstlichen Intelligenz bekommen kann, erscheint die Suche nach einer eigenen, geschulten Intuition fast überflüssig. Warum mühsam in sich selbst hineinhören, wenn der Algorithmus die Antwort scheinbar schon parat hat?

Ganz ehrlich: Ich bin da aufgrund meines Alters im Vorteil. Als ich zur Schule ging, gab es lediglich mechanische Schreibmaschinen – und bereits eine elektrische war ein riesiger Fortschritt. Mein Vater, ein studierter Bauingenieur, berechnete seine Statiken noch im Kopf und schrieb die Ergebnisse handschriftlich auf. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die ersten Kurse zum Umgang mit einem Taschenrechner besuchte. Unseren Wissensdurst stillten wir damals mit einem zwanzigbändigen Brockhaus-Lexikon im Wohnzimmer oder in der Bibliothek.

Wenn ich Fragen hatte, musste ich sie mir selbst beantworten – oder ich suchte mir jemanden, der mehr wusste als ich.

Der kryptische Weg der spirituellen Lehrer

Viele Jahre lang besuchte ich immer wieder spirituelle Lehrer auf Vorträgen, Seminaren, Retreats oder direkt in ihren Wirkstätten. Fast alle von ihnen nutzten eher wenige Worte. Was sie vermittelten, war eine konkrete Praxis: Meditationen, das Studieren alter buddhistischer Texte, Karma-Yoga und ähnliches.

Manchmal gab es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Diese wurden oft völlig kryptisch mit Metaphern beantwortet. Aber eines hatten alle diese Lehrer gemeinsam:

Sie versuchten mich nicht in eine bestimmte Richtung zu drängen, sondern meine eigene Innenschau zu schulen.

So lernte ich, mir selbst mehr und mehr zu vertrauen. Ich lernte, die feinen Zeichen meines Körpers oder meiner Psyche zu erkennen, wenn sich etwas nicht gut anfühlte oder eben genau richtig war. Ich begann, den Alltag als meinen täglichen Lehrer zu erleben und das, was mir begegnete, als universelle Schulung zu sehen. Meine persönliche Intuition und der Zugang zu einem tieferen Wissen sind so jederzeit möglich – ganz ohne künstliche Intelligenz.

Als ich später das I Ging als spirituellen Berater kennenlernte, stellte ich schnell fest: Auch hier gibt es keine konkreten Antworten wie „Ja, mach mal“ oder „Nein, lieber nicht“. Es gibt stattdessen Hinweise, die etwas in mir anrühren und mich motivieren, in mir selbst tiefer zu schauen. Erst dann verstehe ich meist, was falsch gelaufen ist, und ich bekomme die Möglichkeit, an mir und meinen eigenen Glaubenssätzen zu arbeiten.

Die Begegnung in der Praxis: Ein Spiegel der Sehnsucht

Das Besondere an dieser Schulung der Wahrnehmung ist, dass ich im Alltag immer wieder wundervolle Erlebnisse habe, die mich inspirieren. Sie machen mir deutlich, dass immer genau das da ist, was wir gerade brauchen.

Vor kurzem kam ein neuer Patient in meine Praxis und erzählte mir von seiner Lebensaufgabe: der Friedenssicherung und internationalen Friedensmissionen. Natürlich kam er wegen seiner persönlichen körperlichen Beschwerden zu mir, aber ich habe ihm sehr aufmerksam zugehört. Seine Geschichte hat eine tiefe Saite in meinem Herzen berührt.

Ich spürte gleichzeitig eine große Freude und eine Trauer. Freude darüber, dass sich ein Mensch so persönlich für den Frieden auf der Erde einsetzt. Was für ein tiefes Urvertrauen in die Welt und die Menschheit diese Person ausstrahlte! Und genau da fühlte ich die Trauer in mir selbst – die Trauer darüber, dass sich dieses tiefe Urvertrauen nicht immer in mir selbst ausbreitet. In diesem Moment, in dem ich mich so berühren lassen konnte, wusste ich plötzlich ganz genau, wonach ich mich sehne: nach diesem tiefen, unerschütterlichen Vertrauen in den Kosmos.

Die Illusion der schnellen Befriedigung

Die Anthropologin Jean Liedloff beschreibt schon in den achtziger Jahren in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ den Verlust des Vertrauens in unserer Kindheit. Wir wachsen heute fernab von einer natürlichen Anbindung an die Natur und eine Großfamilie heran.

Liedloff erklärte schon damals, wie glücklich der westliche Mensch ist, wenn er Maschinen hat, die ihm helfen – wie eine Waschmaschine oder eine Geschirrspülmaschine. Diese Erleichterung verändert etwas in unserer Psyche; wir fühlen uns dadurch weniger allein und an etwas angebunden.

Wenn unsere Psyche schon durch so einfache Dinge so leicht zu beglücken ist, müssen wir uns klar machen, wie gigantisch das Glückspotenzial für unsere Psyche ist, wenn die KI uns in Sekundenschnelle jedes Wissensbedürfnis erfüllt.

Doch die entscheidende Frage lautet: Schult es unsere Persönlichkeit und den Zugang zu unserem Wahren Selbst?

Ich vermute eher nicht. Denn die Beziehung zu einer KI ist keine echte Beziehung – sie ist die Interaktion mit einer gut programmierten Maschine. Unser Wahres Selbst, den inneren Lehrer und die eigene Intuition zu entfalten, ist ein Weg, der nach innen führt. Und diesen Weg müssen wir ganz ohne KI gehen.


Über Healing Tao Berlin

Praxis und Studio für ganzheitliche Gesundheit, Qigong und innere Alchemie in Berlin-Schöneberg. Als Senior Instructor begleite ich dich auf dem Weg zu deiner eigenen Intuition und deinem Wahren Selbst.

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